Im Gespräch mit … Oliver Gunnar Becker, Producer, Regisseur und Dozent an der DMA in Hamburg,

Oliver Gunnar Becker arbeitet als Producer und Regisseur und hat diverse TV Produktionen, u.a. in Afrika, Afghanistan, Pakistan, Bolivien, Bangladesch umgesetzt. Jüngst arbeitete er mit Phoenix, dem Ereignis- und Dokumentationskanal von ARD und ZDF, zusammen.

An der DMA – medienakademie in Hamburg unterrichtet Oliver Gunnar Becker im Studiengang „Film und Fernsehen“ das Seminar „Marktanalyse“. Im Gespräch verrät er, welche Themen ihn bewegen und was ihn zu seiner Arbeit motiviert.

Herr Becker, Sie unterrichten an der DMA in Hamburg das Seminar „Marktanalyse“ im Fach Film und Fernsehen. Was lernen die Studierenden darin? 
1974 war in der Bundesrepublik die statistische Vollabdeckung mit Fernsehgeräten erreicht: jeder Haushalt - ein Fernsehgerät. Na und? Nicht mehr als Statistik. Aber viel wichtiger: was höre bzw. lerne ich heute von Studierenden? Wenn von 13 Studierenden des Fachs Film und Fernsehen kein einziger Fernsehen schaut und der eine, der immerhin einen Fernseher besitzt, ihn ausschließlich zum Goldfischglas abstellen benutzt, ergeben sich die Fragen und Herausforderungen zur Marktanalyse doch wie von selbst. Das ist doch was. Für die meisten Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist Youtube inzwischen weitaus bedeutsamer. Genauer gesagt ist Fernsehen für die das Grauen pur und ungefähr so aufregend, wie Vatis Diaabend im holzgetäfelten Hobbykeller der frühen 80er Jahre. Warum? „Youtube Clips kann ich auf dem Heimweg in der Bahn anschauen“, „sie sind kurzweiliger, lustiger“, so einige ihrer Antworten. Echt? Dann schauen wir uns doch mal eine bundesdeutsche Youtube-Großmacht wie „Bibis Beauty Palace“ an. Nur so als Beispiel: 4,5 Millionen Abonnenten, zehn Millionen Aufrufe pro Video! Auch das wirft Fragen auf. Das Smartphone als ubiquitäres Begleitmedium. Heißt: kann ich überall konsumieren, der Bildinhalt ist aber manchmal von derart entwaffnender Schlichtheit, dass der Ton allein schon reicht. Ist Fernsehen deshalb schlecht? Böse? So langweilig?

Wollte man den kaum überschaubaren Film-, Fernseh- und Bewegt-Bild-Markt des Internets einfach in „erfolgversprechende Produkte“ und „Auslaufmodelle“ unterteilen, würde man Kriterien finden müssen, die diese Kategorisierung rechtfertigen. Reichweite? Quote? Kosten? Bequemlichkeit? Nur unterhaltender oder auch informierender, - gar irgendwie bildender Content?  Was denn nun? und wozu? Dass diese Fragen weder neu noch geklärt sind, zeigt ein knapper Blick auf die Diskussionsrunden der Experten: „Kopf, Herz oder Bauch? - Fernsehqualität im Web-Zeitalter“,  „In Schönheit sterben: in welcher Währung wird Erfolg gemessen?“ Oder „News, Docutainment, Advertorials - was ist heute guter Journalismus“? waren allesamt heiß diskutierte Top-Themen der Mainzer Tage der Fernsehkritik. - Und zwar bereits vor zehn Jahren! Hat das strukturell was verändert? Nicht wirklich. „Fernsehsender, - zieht euch warm an!“ (Jackie Gillies, New Communication, Kiel) oder „Fernsehen muß wehtun“ Friedrich Küppersbusch, Fernsehproduzent und Grimme-Preisträger. Beide haben irgendwie recht. Und das versuche ich zu vermitteln.

Sie arbeiten selbst als Autor und Regisseur für Dokumentarfilme. Erzählen Sie uns darüber!   
Ich produziere non-fiktionale Beiträge und komplette Dokumentationen für öffentlich-rechtliche und private Fernsehanstalten, mitunter auch für ausländische Sender. Das ist ein recht kompetitiver Markt, der dauernd frischen Content braucht, auch mit Hinblick auf die zunehmende Konkurrenzsituation zum Internet. Hinzu kommen ab und an Bewegt-Bildproduktionen (und / oder Fotoreihen) für Bundesministerien und Internationale Organisationen. Thematisch bewege ich mich hauptsächlich zwischen Wissenschaft und Kultur, Zeitgeschichte, manchmal „hot politics“ oder auch Religion, selten Sport, und dann nicht als reines Unterhaltungssujet. Klingt spröde. Lassen Sie mich das mit konkreten Inhalten füllen: Deutsche Eurofighter-Piloten, die in Estland im Auftrag der NATO den Luftraum über dem Baltikum überwachen. Oder der Zusammenhang von Klimawandel und verstärkt auftretenden Giftschlangen in Bangladesch. Die Entdeckung und archäologische Erforschung der Nok-Kultur Nigerias. Okkulte Glaubenssysteme und Ritualmorde im südlichen Afrika. Oder der politische Abspaltungs-Prozess des jüngsten Staates der Welt, Republik Südsudan vom Sudan. Das alles sind Wissensgebiete und thematische Nischen, die mich interessieren. Themen, die ich in den vergangenen Jahren für das Fernsehen bearbeiten und realisieren konnte. Aktuell arbeite ich u.a. an einer Fernseh-Dokumentation über Exorzismus und Exorzisten in verschiedenen Ländern Europas. Man glaubt kaum, welchen Umfang, welche Bedeutung das Thema außerhalb Deutschlands noch hat. Und warum.

Was ich auch schon sehr lange recherchiere, weil es mich fasziniert, ist die Geschichte der Ziffer „Null“! Die Zahlensysteme der frühen Menschheit basierten nicht grundlos auf Zehnersystemen: nämlich der Anzahl der Finger, quasi als körpereigene Rechenmaschine. Damit ließ sich Jahrtausende gut rechnen und alles beschreiben. „Null Fische“ oder „Null Faustkeile“ oder „Null Frauen“ musste man nicht ausdrücken können. Dann waren eben keine da! Im Mittelalter kam mit Händlern und Kaufleuten über Indien und Arabien irgendwann die Zahl Null nach Europa, als Platzhalter bei Rechnungen. Doch die Null zu denken, das Nichts, wenn sie so wollen, das war nach christlicher Auffassung nicht möglich! Gott ist überall. Das Nichts anzuerkennen, die Null zu denken, das war Gotteslästerung und deshalb äußerst gefährlich. Also blieb die Zahl Null im christlichen Abendland lange Zeit verboten! Ein großartiges Thema finde ich, erst recht heute. Computer rechnen bekanntermaßen nur mit Null und Eins. Aber um das ansprechend, attraktiv, inhaltlich „sexy“ an Drehorten wie Irak, Indien, Saudi Arabien und Europa produzieren zu können, braucht es Vorstellungskraft, Vertrauen, einen Sendeplatz und vor allem die notwendigen Mittel eines Fernsehsenders. Oder der Computer-Industrie. Und die suche ich noch.

Was motiviert Sie bei Ihrer Tätigkeit?   
Ungewöhnliche, inspirierende Inhalte und Stoffe in komplexen Regionen zu realisieren. Als ich 2002 mit der Recherche zur Fernseh-Dokumentation über Ritualmorde in Afrikas Subsahara Region begann, lehnten die Commissioning Editor / Fernsehverantwortlichen reihenweise dankend ab, manche zeigten mir einen Vogel. Schließlich interessierte sich doch noch ein ARTE Verantwortlicher für das Thema, denn er war der Sohn eines Diplomaten, in Afrika aufgewachsen und hatte per se vielmehr Verständnis und Vorstellungskraft für das eher sperrige Thema, das dann 2004 tatsächlich bei ARTE lief und Jahre danach auch von ZDF-Info erneut lizenziert wurde. Auf dem Farabi Filmfestival im Iran unterhielt ich mich ein Jahr später eher zufällig mit einem Herrn, der hauptberuflich um die Welt flog und hunderte Stunden TV Dokumentationen für einen Kanal in den USA einkaufte. Er wollte wissen, was ich so mache. Ich rannte damals in das Foyer des Laleh Hotels in Teheran, murmelte an der Rezeption etwas von „ausleihen“, wäre „total wichtig“ …. „nur ganz kurz“ und Riss dort mehr oder weniger den einzig verfügbaren VHS Videorekorder aus der Wand, um dem Mann ein paar Ausschnitte zeigen zu können. Ob ich die Auslandsrechte besäße, ob ich davon eine englischsprachige Fassung herstellen könnte? Ja, konnte und wollte ich! Etwa acht Monate später lief meine non-fiction Ritualmord Dokumentation in den USA. Und die Lizenzgebühr war auch äußerst wohltuend. Der Mann im Iran war Christian Vesper, der Akquisition President, der im Auftrag von Robert Redford um die Welt flog und für dessen Kanal Sundance Channel Programm einkaufte. Das ist lange her, aber ich erinnere mich gern daran. Ich habe damals einfach unfassbar viel Glück gehabt. Mit dem Commissioning Editor bei ARTE und auch mit dem Mann und dem VHS Rekorder im Hotel. Ein bisschen Glück gehört manchmal eben auch dazu.

Last, but not least: welchen Ratschlag geben Sie Studierenden von heute für ihre Zukunft mit auf den Weg? 
Ratschlag? Folgen Sie ihrem eigenen Bauchgefühl, lassen Sie sich ihre Bewegt-Bild und Film-Ideen nicht von Bedenkenträgern ausreden. Schon gar nicht von Dozenten wie mir. Nichts ist schlimmer, als später sagen zu müssen, „Aaach hätte ich damals doch…“ Auf jeden Fall machen! Wenn´s schief geht, dann lernen Sie daraus.

Und schauen Sie unbedingt lokales Fernsehen im Ausland! Schauen Sie Fernsehen, wenn Sie in Spanien, in Litauen, in Russland, in Pakistan, in Italien, in Griechenland, Bangladesch oder der Elfenbeinküste unterwegs sind. Oder sonst wo, egal. Aber nicht internationale Nachrichtensender wie BBC, CNN, France 24 oder Al Jazeera. Schauen Sie lokales Fernsehen. Es zeigt Ihnen nämlich auch, wie aufwendig deutsches Fernsehen im Vergleich produziert ist. Natürlich wird hier auch viel unsagbar langweiliger, niveauloser Inhalt hergestellt und verbreitet. Aber das Bewegt-Bild-Medium Fernsehen, Sie erinnern sich, das mit dem Goldfisch darauf, kann ein großartiges, ein wunderbares Fenster in die Welt sein, man kann unendlich viel Spannendes sehen, lernen und verstehen, sofern man das will und man bereit ist, sehen und lernen zu wollen. Und mit Smartphone und YouTube kennen Sie sich bestens aus. Da brauchen Sie keinen Ratschlag eines Dozenten.